Kevin Benjamin Beier

Stationenweg, Konficamps und wie es weitergeht

Eigentlich sollte dieser Blogeintrag schon vor längerer Zeit erscheinen. Seit November 2016 habe ich viele neue Erfahrungen gesammelt und vieles erlebt. Mittlerweile steht auch fest, wie es nach dem Bundesfreiwilligendienst weitergeht, aber dazu später mehr.

Am Anfang der Tour im November 2016 ging es von Wittenberg nach Neuchâtel und von dort weiter nach Basel, Villach, Graz, Wien und Prag. Jede Station bot neue Abwechslung und Einblicke, wie unsere Nachbarn in Europa denken. Abwechslung fehlte uns auf diesem Tourabschnitt definitiv nicht. In Neuchâtel wurde mein in der Schule gelerntes Französisch auf einmal wieder relevant, wobei ich die Menschen zwar verstand, aber nach drei Jahren ohne aktives Sprechen nicht mehr wirklich antworten konnte. Basel war eine der wenigen Stationen, neben Venedig und Rom, die nicht mit dem Truck besucht wurde, da dieser ein wenig zu lang für den vorgesehenen Standort war und somit unser Zelt bei klirrender Kälte herhalten musste. Villach und Graz boten viele Besucher und zeigten einen Einblick auf die Gegenreformation der katholischen Kirche und wie heute gute Ökumene aussehen kann, denn in Österreich sind nur etwa 4% der Bevölkerung evangelisch. Wien bot durch die erste Gastfamilie neben den Geschichten vor Ort den ersten tiefergehenden Einblick in den Alltag der Menschen vor Ort. Und dann kam auch schon Prag, wo uns ältere Menschen damit überraschten, dass sie mit uns deutsch sprechen konnten. Unser Truck war zwar weniger besucht als andernorts, aber es war interessant neues über Jan Hus zu erfahren, der schon vor Luther reformatorische Gedanken hatte und dafür verbrannt wurde.

Der nächste Tourabschnitt im Dezember 2016 brachte uns nach Wolfsburg, Schmalkalden, Worms, Heidelberg, Bretten, der Geburtsstadt Philip Melanchtons und Tübingen. Wolfsburg selbst war zur historischen Zeit der Reformation noch gar nicht existent, das Thema „Beruf und Berufung“ ist aber ebenfalls eine reformatorische Errungenschaft. Schmalkalden hatte die Besonderheit, dass uns ein Video der Geschehnisse während unseres Besuchs direkt nach dem Videoschnitt über Nacht mit auf den Weg gegeben wurde. In Worms wirkte unser Truck auf seinem Standort neben dem Dom auf einmal ziemlich winzig. Der Besuch des ältesten jüdischen Friedhofs Europas durfte dabei natürlich auch nicht fehlen. Unser Standort in Heidelberg war direkt am Bahnhof, was dazu führte, dass die Leute eher an uns vorbei zu ihrem Zug rannten. Ziemlich interessant wurde es an der nächsten Station, der Geburtsstadt Philip Melanchtons, von dem ich vor dem Projekt noch nie gehört hatte und der doch einiges in Bezug auf unser Bildungssystem und die Übersetzung des Alten Testaments als Freund und Gefährte Luthers beigetragen hat. Darüber hinaus fand für uns zeitgleich die Weihnachtsfeier mit den Eltern unseres Geschäftsführers Ullrich Schneider statt, die als Pendant zu der Weihnachtsfeier in Wittenberg diente. Aus Tübingen ist mir vor allem eine Bildungsdiskussion über den Religionsunterricht in Schulen in Erinnerung, die an der Oberfläche hängen blieb und somit keine neuen Erkenntnisse hervorbrachte.

Mit Beginn des Jahres 2017 besuchten wir Bern und Zürich in der Schweiz, dann Schwäbisch Hall und dann wieder die Schweiz mit Chur. Zu Bern ist mir vor allem in Erinnerung, wie ich beim Ausfall eines Monitors Ewigkeiten brauchte, um den Fehler zu finden. Schlussendlich stellte ich fest, dass sich der Stecker am Server durch eine lockere Gegenschraube gelöst hatte, was ich direkt am Anfang erstmal als unrealistisch ausgeschlossen hatte und die Stelle auch am schwersten zu erreichen war. Bern ist darüber hinaus eine echt schöne Stadt mit cooler Historie. Zürich war eine der spannendsten Stationen, da wir mit dem Truck in der Bahnhofshalle standen und einiges über Huldrych Zwingli erfahren konnten und darüber hinaus auch gut Zeit hatten, um die Stadt zu erkunden. Schwäbisch Hall bot wissenswertes zum Reformator Johannes Brenz, der dort das Bildungssystem stark geprägt hat. Die Michaelskirche und ihren echt vielen Treppenstufen bot so manch historisch interessantes, da hier familiäre Wurzeln von dem in Breslau geborenen Dietrich Bonhoeffer zu finden sind. Chur bot sehr viel Schnee und eine der interessantesten Unterkünfte mit einer alten Kaserne, die nur über eine einspurige Straße zu erreichen war.

Im Februar 2017 ging es mit dem Zug über Budapest zu den folgenden Stationen Debrecen, Sávár und Sopron in Ungarn, Ciesyzn in Polen und Bardejov in der Slowakei. Zum Glück stand uns auf dieser Tour Daniel, ein Volunteer aus Ungarn, zur Seite, denn viele Menschen in Ungarn sprechen weder Deutsch noch Englisch. Debrecen hatte eine der größten Eröffnungsveranstaltungen und zu Anfang passten nur die Bischöfe und Pfarrer in den Truck. Sávár hatte mit Sylvester Janos einen eigenen Reformator und die Menschen wussten uns so einiges zu ihm zu erzählen. In Sopron wurde für uns eine Straßenkreuzung gesperrt und es gab einen ziemlich guten Burgerladen um die Ecke. Bevor es für uns weiter nach Ciesyzn in Polen ging, fuhren wir nach Wien, um dort Kaiserschmarren zu essen. In Cieszyn angekommen, wurde ich krank und bekam somit nur den Auf- und Abbau mit, aber immerhin die Geschichte der Jesuskirche beim Reisesegen konnte ich mit auf den Weg nehmen. Danach ging es für uns weiter nach Bardejov, wo der Truck direkt auf Eis stand, welches bereits anfing zu schmelzen und wir am Abend mit der Jugendgruppe in Kontakt kamen und Essen gingen.

Und zwei Wochen später stand schon die Tour durch Skandinavien an und auch der erste Flug meines Lebens von Berlin über Kopenhagen nach Aalborg an, um am gleichen Tag von Hirtshals die Fähre nach Bergen zu nehmen. Norwegen bot echt schöne Landschaften und da wir durch den Schneefall nicht über die Berge kamen, hatten wir noch einen Tag mehr in Norwegen, den wir direkt für einen Ausflug nutzten. Am nächsten Tag ging es für uns dann mit der Fähre zurück nach Hirtshals, um von Frederikshavn nach Göteborg und nach der Weiterfahrt für zwei Tage ohne Station in Jönköping zu verweilen. Danach ging es für uns weiter nach Västerås, wo neben dem Truck ein riesiges Jugendevent mit 1.400 Jugendlichen stattfand und wir später bei einem gemeinsamen abschließenden Mittagessen auch gut ins Gespräch mit den Menschen vor Ort kamen. Kurz darauf ging es für uns weiter nach Stockholm, um von dort aus die Fähre nach Turku zu fahren. Der örtliche Reformator war Mikael Agricola, welcher zu Lebzeiten Luther in Wittenberg besucht hat. Für mich war es auch eine besondere Station, da ich wieder auf Matti Fischer traf, der ein halbes Jahr zuvor noch Pfarrer in meiner Heimatstadt Fulda war und nun Auslandspfarrer in Helsinki ist. Direkt nach dem Abbau des Trucks ging es für uns abends per Fähre nach Helsinki und am nächsten Tag per Fähre weiter nach Tallinn in Estland und direkt weiter nach Riga. Am nächsten Tag stand hier der Rückflug von Riga nach Berlin an. Im Anschluss ging es für mich mit dem Zug direkt weiter nach Kassel zu den Infotagen am CVJM-Kolleg.

Nach Dordrecht fuhren wir, wie nach Budapest, wieder mit dem Zug und kamen einen Tag vor den anderen an, so dass wir ein wenig die Innenstadt erkunden konnten. Auch die Möglichkeit einer Fahrradtour bot sich für meine Freundin Franzi und mich durch unsere Gastfamilie an. Weiter ging es dann nach Deventer mit dem wohl kleinsten Platz der Tour, welcher daraus resultierte, dass es einen roten Teppich zwischen den beiden Kirchen vor Ort gab und der Truck in der Mitte stehen sollte. Nachdem der Truck bereits am Vorabend aufgebaut wurde, brachen Franzi und ich an unserem freien Tag nach Rotterdam auf, während die anderen in Deventer blieben. In Straßburg wurde es echt anstrengend, weil wir bereits morgens um 6 Uhr mit Polizeikolonne auf den Platz fahren sollten und die Autos und die Zugmaschine wieder weg mussten. Dafür hatten wir am Place Kléber einen genialen Standort und die Geschichte zum Reformator Martin Bucer war auch interessant. Nach dem Abbau am selben Tag, ging es für uns zwei Tage später weiter nach Speyer, wo wir ebenfalls freundlich empfangen wurden und erfuhren, wie es in Städten aussieht, die eher weniger von Luther geprägt wurden.

Der letzte Tourabschnitt begann mit dem Pendeln von Wittenberg nach Berlin und zurück. Unser Truck stand direkt am Alexanderplatz, aber leider mit offenen Türen in Richtung Baustelle der neuen U-Bahn, so dass wir etwas weniger Besuch hatten als sonst gewohnt, in einer Großstadt fällt der Truck jedoch auch nicht wirklich besonders auf. Die nächste Station war Kiel, wo wir am Eröffnungsabend einen Schriftwechsel zwischen Luther und den Fürsten vor Ort kennenlernten, der friedlich begann, aber nicht so endete. Weiter ging es für uns nach Lemgo und Detmold, wo zwei unterschiedliche Auffassungen aufeinander treffen, die eine lutherisch, die andere reformiert und deshalb stand der Truck auf einem Platz auf der Mitte der Strecke zwischen den beiden Städten. Meine letzte Station war Eisenach, wo wir von der riesigen Bühne auf dem Marktplatz überrascht wurden, die sogar das Aufgebot in Debrecen klein aussehen lies. Zunächst stand aber erstmal ein Gottesdienst auf der Wartburg mit Worten von Geistlichen aus den unterschiedlichsten Regionen Europas und einer Predigt von Heinrich Bedford-Strohm an. Später besuchte Heinrich Bedford-Strohm auch unseren Truck und stellte fest, dass im Video der Station Coburg seine erste Predigtkirche enthalten ist. Am nächsten Tag fand ein Kinder- und Jugendtag rund um den Truck statt und wir hatten Besuch von Volunteers aus Wittenberg, die später im Rahmen der Weltausstellung die Betreuung des Trucks mit übernehmen sollten. Abends stand dann die Fahrt von Eisenach nach Wittenberg an.

Zum letzten Aufbau des Trucks in Wittenberg am 19. Mai kamen wir nochmal alle zusammen und brachten den Truck ein letztes Mal gemeinsam zum Glänzen, um ihn dann am 22. Mai im Rahmen der Feierlichkeiten in die Weltausstellung Reformation übergehen zu lassen.

Immer mit dabei war unser Tourmanager Hannes und im Wechsel unsere Truckfahrer Chris, Niko und Gerhard für den Promotionauflieger 16 von Eilers Fahrzeugbau in Varel, sowie unsere theologischen Begleiter in Form von Pfarrern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wie Jürgen Schilling, Henning Kiene, Aleida Siller, Markus Hauge und Rolf Becker. Während der Tour gab es ab und an auch entspanntere Tage, die wir mit der Erkundung der Stadt, mit Thermenbesuchen im Miramar in Weinheim, Palmenparadies in Sinsheim und der Therme in Sárvár verbrachten.

Zwischendurch verbrachte ich mit Franzi einen Urlaub auf Teneriffa, welcher uns beeindruckende Einblicke um den noch aktiven Vulkan Teide brachte. Eine Woche später unterstützten wir den Aufbau der Konfi- und Jugendcamps in der kritischsten Phase und lernten unseren neuen Aufgabenbereich in der Abteilung BauTec kennen. Auf der inhaltlichen Seite kam für mich neben unserer Band „Nicht aus Prag“ und der gelegentlichen musikalischen Mitgestaltung der Abendandachten ab der dritten Woche der Workshop „Christsein im Alltag“ hinzu. Dieser hat das Ziel den Konfirmanden aufzeigen, dass Christsein nicht nur Gottesdienst und Konfiunterricht ist, sondern eben auch das eigene konkrete Handeln während der kleinen Dinge im Alltag. Das Planspiel „Die Lutherverschwörung“, welches das gesamte Konficamp in Bewegung setzt, habe ich ebenfalls ab und  an mit der Rolle als Bettler begleitet. Leider hatte ich wegen noch vorhandener Überstunden, Urlaubstage und der Mitarbeit in der Abteilung BauTec keine Möglichkeit eigene Workshops im Bereich Musik, Fotografie und Video zu entwickeln. Auf dem Bundeslager „Weitblick“ des VCP bot sich jedoch die Möglichkeit zu fotografieren und auch einen eigenen Workshop mit einem Stadtplanungs- und Konstruktionsspiel zu leiten. Darüber hinaus hatte ich den Einblick und den Überblick über einen Teilbereich eines riesigen Planspiels rund um den Bau von Raketen aus Kirchentagshockern. Das Ziel der Raketen sollte den Plan eines verrückten Wissenschaftlers, der die Hoffnung in die Menschheit verloren hatte und deshalb die Erde mit einem Meteoriden zerstören wollte, durchkreuzen. Leider wurden zu wenige Raketen gebaut. Der Plan den Meteoriden zu zerstören schlug fehl, doch der Wissenschaftler konnte von den Helden durch die Errungenschaften der Workshops am Ende doch noch überzeugt und somit die Erde gerettet werden.

Jetzt fehlt nur noch das Abschlussseminar meines Bundesfreiwilligendienstes, für die Zeit danach kamen für mich zwei Möglichkeiten in Betracht. Zum einen das Start-Up sevdesk.de rund um Fabian Silberer und Marco Reinbott, die zusammen die SEVENIT GmbH mit Sitz in Offenburg gegründet haben, mittlerweile mit 1&1 in Form von Buchhaltung Online kooperiert haben und ein echt gutes Team um sich haben. Ziel von SevDesk ist die Vereinfachung von Buchhaltung mithilfe der uns heute zur Verfügung stehenden Technologien voranzubringen. Auf der anderen Seite die Ausbildung zum Erzieher und Jugendreferenten am CVJM-Kolleg in Kassel, die Theologie und Sozialpädagogik auf eine besondere Art miteinander verknüpft und eine geniale Gemeinschaft auf dem Campus in Kassel bietet. Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Optionen zu treffen war nicht einfach, da ich bei SevDesk durch Probearbeiten und am CVJM-Kolleg durch die Infotage relativ tiefe Einblicke in der Kürze der Zeit gewinnen konnte. Schlussendlich freue ich mich auf neue Erkenntnisse und Erfahrungen ab 1. September 2017 während meiner Ausbildung zum Erzieher und Jugendreferenten am CVJM-Kolleg in Kassel.

Weiter Beitrag

Antworten

© 2018 Kevin Benjamin Beier

Thema von Anders Norén